WEITERBILDUNGSRICHTLINIEN der DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR BONDING-PSYCHOTHERAPIE e. V
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I. Voraussetzungen
II. Hauptsponsor und Weiterbildungsvertrag
III. Ablauf der Weiterbildung
1) Selbsterfahrung und Theorie
2) Assistenzzeit
3) Supervidierte selbstständige Praxiserfahrungen
IV. Übersichtskomitee
V. Abschluss der Weiterbildung und Zertifizierung
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(Im Text wird der Einfachheit halber durchgehend die männliche Ausdrucksform gewählt. Es sei aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass auch unsere Kolleginnen in gleicher Weise gemeint sind.)
I. Voraussetzungen
Die Weiterbildung zum B.P.-Therapeuten ist nicht als psychotherapeutische Grundausbildung konzipiert. Der Weiterbildungskandidat muss daher eine fundierte psychotherapeutische Grundausbildung und eine einschlägige Berufsausbildung als Voraussetzung mitbringen.
Während der Weiterbildung muß die Möglichkeit gegeben sein, die B.P. verbunden mit einer kontinuierlichen Supervision in der Praxis auszuüben.
Die Weiterbildung zum B.P.-Therapeuten und die damit erworbene fachliche und persönliche Kompetenz schaffen nicht die rechtlichen Voraussetzungen eines Heilberufes.
II. Hauptsponsor und Weiterbildungsvertrag,
Der Weiterbildungskandidat soll spätestens mit Begin der Assistenzphase der Weiterbildung (siehe, III unten) formal und schriftlich einen Weiterbildungsvertrag mit einem der Lehrtherapeuten der Deutschen Gesellschaft für den B.P. (D.G.B.P.) abschließen.
Spätestens zu dieser Zeit muß der WB.-Kandidat Mitglied der D.G.B.P. werden. Er bekommt damit den formalen Status als „Weiterbildungskandidat der D.G.B.P.“.
Durch den Weiterbildungsvertrag wird der Lehrtherapeut zum "Hauptsponsor" des WB.-Kandidaten. Aufgabe des Hauptsponsors ist es, den WB.-Kandidaten in allen Bereichen zu fördern, die für einen adäquaten Umgang mit dem B.P. relevant sind. Dies schließt u. a. ein hohes Maß an fachlicher Kompetenz, sowie eine professionelle und ethische Haltung gegenüber Klienten, Patienten und Kollegen ein.
Es ist die Aufgabe des Hauptsponsors, den Weiterbildungskandidaten (W.B.-Kandidat) beim Übersichtskomitee zu vertreten. (siehe, IV unten)
Der Hauptsponsor verfaßt zum Abschluß der Weiterbildung eine Empfehlung des WB.-Kandidaten zur Zertifizierung als B.P.-Fellow, die dem Übersichtskomitee vorgelegt wird.
Eine Empfehlung ist die schriftliche Erklärung eines Lehrtherapeuten, daß er den Kandidaten für hinreichend vorbereitet hält, selbständig den B.P. zu praktizieren.
Zum Inhalt der Empfehlung gehört eine genaue Beschreibung von Kontext und Ablauf der Weiterbildung unter dem Hauptsponsor (Stundenzahl der Selbsterfahrung und Theorie, Assistenzzeit, Supervisionsstunden, Stunden der selbständigen Praxis mit der B.P. des WB.-Kandidaten).
Ferner soll der Hauptsponsor bescheinigen, daß die eigene Therapie des WB.-Kandidaten soweit abgeschlossen ist, daß er verantwortungsvoll therapeutisch arbeiten kann.
Außer der Empfehlung seines Hauptsponsors benötigt der WB.-Kandidat auch die Empfehlung eines zweiten Lehrtherapeuten, der die fachliche und persönliche Kompetenz des W.B.-Kandidaten würdigt. In Ausnahmefällen kann das Übersichtskomitee einen erfahrenen Fellow als zweiten Sponsor benennen.
Dazu ist es sinnvoll, daß der WB.-Kandidat auch bei einem anderen Lehrtherapeuten (oder ernannten Fellow) Teile seiner Weiterbildung absolviert, so dass der zweite Sponsor ebenfalls imstande ist, eine Empfehlung zu geben.
III. Ablauf der Weiterbildung
In der Regel wird die Weiterbildung in drei Phasen verlaufen:
1) Selbsterfahrung und Theorie
Der WB.-Kandidat muß mindestens 150 Stunden B.P. mit Schwerpunkt Selbsterfahrung absolvieren, davon einen ausreichend großen Anteil mit seinen Sponsoren.
Außerdem sind mindestens 60 Stunden B.P. mit Schwerpunkt auf der fortentwickelten Theorie zu erbringen. Falls die Theorie nicht im Rahmen eines Seminars bei einem Lehrtherapeuten erlernt werden kann, muss ein Nachweis über die qualifizierte Aneignung erbracht werden, der von dem Übersichtskomitee genehmigt werden muss.
2) Assistenzzeit
Der WB.-Kandidat muß mindestens 80 Stunden als Assistent oder Co-Leiter in B.P. Gruppen assistieren. In Absprache mit dem Hauptsponsor kann die Assistenzzeit bei anderen Lehrtherapeuten oder erfahrenen Fellows angerechnet werden (siehe auch, II oben: "zweite Empfehlung").
Als Assistent soll der WB.-Kandidat Erfahrungen sammeln im Umgang mit der BPT. Dies umfasst Arbeit mit Einzelnen, als Begleiter während der Bonding-Übung, als Co-Leiter in der Einstellungsgruppe, usw..
Es ist Aufgabe des Lehrtherapeuten, dem WB.-Kandidaten gezielte, praxisorientierte und auf die konkrete Erfahrung mit Klienten bezogene Supervision zu geben.
3) selbständige Praxiserfahrung
Der WB.-Kandidat muß mindestens 60 Stunden selbständig (d.h. als Hauptverantwortlicher) B.P. Gruppen leiten und diese regelmäßig supervidieren lassen. Davon kann, in Absprache mit dem Hauptsponsor, ein Anteil auch von anderen Lehrtherapeuten oder ernannten Fellows erbracht werden.
Um genügend Flexibilität für beide - Lernenden wie Lehrenden - zu gewährleisten, können die Grenzen der Phasen fließend sein. d.h. es ist möglich, dass ein Ausbildungskandidat mit der Assistenz beginnt, während er sich in der fortgeschrittenen Selbsterfahrung befindet .
Die genannten Stundenangaben sind Mindestanforderungen. Je nach Vorerfahrungen und persönlicher sowie fachlicher Kompetenz können von dem Hauptsponsor, dem zweiten Sponsor und von dem Übersichtskomitee die Voraussetzungen für eine Zertifizierung angepasst werden.
Arbeitet der Weiterbildungskandidat in einer Klink, in der die B.P. Teil des Klinikkonzeptes ist und regelmäßig für die Patienten angeboten wird, kann der WK sowohl die Assistenzzeit als auch die supervidierte selbstständige Praxiserfahrung im klinischen Rahmen absolvieren und anrechnen lassen.
IV. Übersichtskomitee
Das Übersichtskomitee wird in der Regel von den Vereinsmitgliedern auf der Jahresvollversammlung für zwei Jahre gewählt, anderenfalls ernennt der Vorstand die Mitglieder des Übersichtskomitees. (Siehe auch Übersichtskomitee)
Das Übersichtskomitee besteht aus drei Personen: das sind entweder drei Lehrtherapeuten oder zwei Lehrtherapeuten und ein B.P.-Therapeut (Fellow). Wenn möglich sollte je einer der drei Komiteemitglieder aus dem klinischen und aus dem ambulanten Bereich kommen und ebenso je einer Arzt und einer Nicht-Arzt sein.
Das Übersichtskomitee supervidiert und unterstützt den Hauptsponsor während der Weiterbildung des WB.-Kandidaten. Sobald wie möglich nach Zustandekommen eines Weiterbildungsvertrages, spätestens vor Beendigung der Phase 1 (d.h. vor Beginn der Phase 2) sollte der Hauptsponsor seinen WB.-Kandidaten dem Übersichtskomitee vorstellen.
Das Übersichtskomitee entscheidet weiter über Ausnahmen, z. B. zu Beginn der Weiter-bildung, ob der WB.-Kandidat die allgemeinen Voraussetzungen erfüllt (siehe I oben), ob Ausnahmen in den Anforderungen akzeptabel sind usw.
Das Übersichtskomitee kann dem Hauptsponsor Empfehlungen geben, welche Maßnahmen für seinen WB.-Kandidaten sinnvoll sein könnten, um eventuelle Wissens- oder Erfahrungs-lücken zu schließen. (z. B., die Teilnahme an Kursen zu Diagnostik, Übertragungsphäno-menen, Arbeit im Suchtbereich, usw.).
Vor dem Wechsel des WB.-Kandidaten in eine selbständige Ausübung der B.P. (Phase 3) muss der Hauptsponsor, in Absprache mit dem zweiten Sponsor, das Übersichtskomitee über den Fortschritt seines Weiterbildungskandidaten informieren und dessen Bestätigung einholen.
Die Mitglieder des Übersichtskomitees können, falls sie es für nötig halten, auch den WB.-Kandidaten selbst zu einem Gespräch bitten.
V. Abschluß der Weiterbildung (Zertifizierung)
Zum Abschluß der Weiterbildung und zur Zertifizierung des WB.-Kandidaten gehört folgendes:
1. eine Empfehlung des Hauptsponsors,
2. eine zweite Empfehlung des zweiten Sponsors,
3. Abschlussgespräche mit den Vertretern des Übersichtskomitees.
Die Gespräche dienen dazu, einen allgemeinen Eindruck von der professionellen und persönlichen Qualifikation des WB.-Kandidaten im Umgang mit der B.P. zu gewinnen.
Der WB.-Kandidat muß die ethischen Richtlinien der I.S.B.P. kennen und fähig sein, ethische Fragen zu diskutieren und Lösungen zu erarbeiten. Er muß die (institutionellen) Rahmenbedingungen seiner Arbeit mit der B.P. beschreiben können und Kenntnis von den rechtlichen Grundlagen seiner Arbeitssituation haben.
Das Übersichtskomitee macht eine Empfehlung für oder gegen die Zertifizierung, basierend auf den Empfehlungen der beiden Sponsoren und den Abschlussgesprächen, sowie auf dem Eindruck, den es während der gesamten Weiterbildung vom WB.-Kandidaten gewonnen hat.
Diese Empfehlung geht an den Vorstand, der die Entscheidung des Übersichtskomitees bestätigt.
In der Deutschen Gesellschaft für Bonding-Psychotherapie e.V. (DGBP) haben wir uns zum Ziel gesetzt, die in Theorie und Praxis, in Aus- und Weiterbildung entwickelten Erkenntnisse, Erfahrungen und Richtlinien zur Bonding-Psychotherapie zu vertreten, zu verbreiten, zu koordinieren und weiterzuentwickeln.
Auf dieser Seite werden wir Therapeuten und Institutionen vorstellen, die mit Bonding-Psychotherapie arbeiten.
Die Interessenten an Workshops und Gruppen (Prävention, Therapie, Rehabilitation, Erziehung und Beratung) finden hier aktuelle Termine.
Ebenfalls stellen wir Ihnen unserem Verein und die Vorteilen einer Mitgliedschaft vor. Wir vermitteln gerne Informationen zu Weiterbilungsangebote in Bonding-Psychotherapie. Die neuesten Erkenntnisse aus der Forschung über Bonding-Psychotherapie werden dokumentiert.
Die Arbeit der DGBP ist verbunden mit der 1984 begründeten International Society of Bonding Psychotherapy (früher benannt ISNIP: „International Society for the New Identity Process) und der „European Association of Bonding Psychotherapy“ (EABP).
Die Bonding- Psychotherapie ist akkreditiert bei der „European Association of Psychotherapy" (EAP)
Die Bonding Psychotherapie wurde in den 60er und 70er Jahren von Dr. Daniel Casriel entwickelt. Es ist ein emotionsorientierter Lernprozess, der auf dem Zugang zu tiefen Gefühlen,der Erarbeitung von positiven Einstellungen zu sich und anderen und der Entwicklung und Einübung von neuen Verhaltensweisen basiert. Eine der wichtigsten Entdeckungen von Dr. Casriel ist die Bedeutung eines biologisch verankerten Grundbedürnisses des Menschen nach emotionaler Offenheit und körperliche nähe zu anderen, das er mit dem Begritt "Bonding" benannte.
In den letzten Jahren wurde die Theorie der Bonding Psychotherapie von Dr. Konrad Stauss, ehemaliger Chefarzt der Psychosomatischen Klinik Bad Grönenbach, auf der Grundlage der Bindungstheorie, der von Grawe entwickelten Konsistenztheorie, sowie der modernen Hirnforschung und des Prozess- Erfahrungsansatzes von Greenberg und Elliot weiterentwickelt und differenziert. Das von Casriel genannte Grundbedürfnis nach emotionaler Offenheit und körperlicher Nähe ergänzte er durch weitere lebensnotwendige, neurobiologisch verankerte psychosoziale Grundbedürfnisse: Bindung, Autonomie, Selbstwert, Identität, Körperliches Wohlbehagen und Lebenssinn.
Im deutschsprachigen Raum ist der Therapieansatz auch als Casriel- oder Bonding-Therapie bekannt.
Geschichtliche Entwicklung
Dr. med. Daniel Casriel, (gest. 1983), entwickelte seine Methode über einen Zeitraum von ca. 2O Jahren. Nach Abschluss seines Medizinstudiums an dem Cincinnati College of Medicine (1949) studierte er an dem Columbia Psychoanalytic Institute weiter unter der Leitung von Dr. Sandor Rado und Abram Kardiner. Die von ihnen entwickelte Adaptions-Psychodynamik war für Casriel von großer Bedeutung. Freuds propagierte Lehre der Pathologie der Triebe wurde ergänzt und teilweise ersetzt durch die Lehre der Pathologie der Konditionierung.
Casriel absolvierte seine Lehranalyse bei Kardiner, der selbst einer der letzten lebenden Analysanden Freuds war. Kardiner hatte in seiner Arbeit einen stark anthropologischen Ansatz. Dazu kamen Casriels eigene Erfahrungen und Beobachtungen während eines 18monatigen kriegsbedingten Aufenthalts in Okinawa. Dort lernte er die Ureinwohenr kennen und war beeindruckte von dem unkomplizierten Umgang mit körperlicher Nähe, sowohl in der Kindererziehung als auch zwischen den Erwachsenen. Diese Erfahrungen prägten sein Menschenbild.
Im Jahre 1962 lernte Casriel eine Gemeinschaft zur Rehabilitation von Drogenabhängigen in Kalifornien kennen. Synanon hieß diese Selbsthilfeeinrichtung und wurde die Anregung für das später von Casriel entwickelte und weltweit eingesetzte Daytop Modell zur Therapie von Heroinsüchtigen. In der Arbeit mit seinen neurotischen Patienten übernahm Casriel zwei Elemente der Synanon Erfahrung: 1. Die befreiende Wirkung des Ausdrucks tiefer Gefühle und 2. Die Betonung der Konfrontation selbstzerstörerischen Verhaltens. Nach und nach entwickelte er die spezifische Schreiübung sowie die gezielte Arbeit zur Veränderung von pathologischem Denken (Einstellungsarbeit).
In den letzten 1o Jahren seiner Arbeit betonte Casriel immer mehr die heilende Kraft, die in der Erfüllung der Primärbedürfnisse nach menschlicher Nähe (Bonding) liegt. Aus dieser Erkenntnis entwickelte er seine Bonding Übung, die heute so im Mittelpunkt steht, daß seine Methode als Bonding-Therapie bezeichnet wird.
Dan Casriel und seine Arbeit wurden besonders durch Dr. med. Walter Lechler im deutschsprachigen Raum bekannt. Als Chefarzt der psychosomatischen Klinik Bad Herrenalb in der Zeit von 1971 bis 1988 hat Dr. Lechler Casriels Arbeit als einen wichtigen Bestandteil in die Lehr-Lern-Gemeinschaft der Klinik eingeführt und integriert.
Es gibt zur Zeit mehrere Kliniken für psychosomatikische Medizin und Suchterkrankungen in der BRD, die Bonding-Psychotherapie neben anderen therapeutischen Verfahren anwenden, sowie einige Zentren und therapeutische Praxen, die mit dieser Methode arbeiten. Seit 1984 existiert die `International Society for Bonding Psychotherapy' mit regionalen Gesellschaften der B.P. in den U.S.A., Deutschland, Belgien/Niederlande, Schweden, Italien und der Schweiz. Ausbildung und Prüfungen zur Befähigung für die Arbeit mit der B.P. werden durch die I.S.B.P. und die regionalen Gesellschaften durchgeführt.
Menschen und Weltbild
Das vielseitige seelische und psychosomatische Leiden des heutigen Menschen betrachtet Casriel als das Ergebnis einer kulturell bedingten Konditionierung. Der Kern dieser Konditionierung ist ein Zustand des Mangels im Bereich eines lebenswichtigen Basisbedürfnis des Menschen - Bonding. Genauer gesagt ist Bonding das biologisch verankerte Grundbedürfnis des Menschen nach emotionaler Offenheit und körperlicher Nähe zu anderen Menschen. Bei der Beobachtung Urvölker erfährt man eine natürliche Selbstverständlichkeit in Bezug auf diese Bedürfnisse. Säuglinge und Kleinstkinder werden fast immer am Körper der Mutter getragen, haben freien Zugang zur Brust , werden gehalten und sind über den Körper der Mutter in das Tagesgeschehen der Gemeinschaft eingebunden. Selbst Kinder von drei Jahren und älter werden oft getragen, nicht nur von der Mutter, sondern auch von älteren Geschwistern, Tanten und Onkeln usw. Bedingt durch die Lage der Kleinfamilie und den Streß des modernen Lebensstils erleben Kinder der westlichen Welt häufig ein Defizit an einfacher körperlicher und seelischer Zuwendung. Sie lernen früh , daß der Preis für Liebe oder Zuwendung sehr hoch ist, und entscheiden, sich entsprechend anzupassen. Diese kindlichen Entscheidungen bleiben als Überzeugungen, wie das Leben ist, im Erwachsenen gespeichert und prägen sein Verhalten. So entsteht ein Teufelskreis. Die Enttäuschung über ein unerfülltes Liebesbedürfnis, das schmerzhaft oder ärgerlich erlebt wird, verstärkt die Überzeugung, z.B. selbst nicht liebenswert zu sein. Man verhält sich demnach zurückhaltend oder feindselig, und wirkt auf die menschliche Umwelt so, daß man erneut enttäuscht wird. Aus solchen Kreisläufen entstehen eingefahrene Gefühls-, Denk- und Verhaltensmuster, die für den Betroffenen zu eine Gefängnis werden. Wirkliche Veränderung findet nur dann statt, wenn das Neuerlernen alle drei Ebenen des Fühlens, des Denkens und des Verhaltens umfaßt.
Der Mensch ist für Casriel von seiner Natur her gut und wertvoll. Casriel geht es um eine Wiederentdeckung des Ursprünglichen, des biologischen Selbst. Die Erfahrung, daß die eigenen Bedürfnisse eine Quelle der Freude für sich und andere sind, ermöglicht wieder eine emotionale Bindung zu anderen Menschen. Die drei Grundberechtigungen nach Casriel "Ich bin" (ich lebe), "Ich brauche" (meine Bedürfnisse sind gut), "Ich bin berechtigt" (für mich zu sorgen, Fehler zu machen, glücklich zu sein, usw.) werden erfahrbar. "Bonding ist die mehr und mehr angstfreie Beziehung zu dem Geschenk LEBEN, zu allem, was für uns auf dieser Welt Partner ist in unserer dialogischen Beziehung mit dem Leben. Bonding ist Ausdruck einer Lebenshaltung, Lebenseinstellung, Lebensweise, die Identität zu deren Bild wir geschaffen sind und auf die zu wir uns hinentwickeln müssen, wenn wir leben und nicht dahinsiechen und sterben wollen." (Dr. Walther Lechler)
Anwendungsbereich
Bonding-Psychotherapie eignet sich im allgemeinen für alle Menschen, die besseren Zugang zu ihrer Gefühlswelt gewinnen und ihre emotionale Bindungsfähigkeit vertiefen möchten. Für Menschen mit besonders rigiden und/oder zerbrechlichen Ich-Strukturen sollte B.P. nur im klinischen Rahmen und in entsprechend abgewandelter Form eingesetzt werden.
Ablauf der Arbeit
B.P. wird in der Regel in Gruppen angewendet. Der Rahmen kann ganz unterschiedlich sein: als fortlaufende, ambulante Therapie, als prophylaktische und wachstumsorientierte Selbsterfahrung an Wochenend- oder längeren Workshops und als hauptsächliche oder ergänzende therapeutische Massnahme im klinischen Rahmen. Eine typische B.P. Sitzung dauert etwa 3 Stunden, die Teilnahme an einer wöchentlichen fortlaufenden Gruppe etwa 1 bis 3 Jahre.
Vorgehensweise
Die Gestaltung einer B.P. Sitzung kann je nach Umständen und Stil des Therapeuten unterschiedlich sein. Einige Therapeuten arbeiten mit der ganzen Gruppe in einem Raum. In Deutschland arbeiten die meisten B.P. Therapeuten in zwei Räumen - in einem für die Bonding-Übung und in einem für die parallel laufende Einstellungsgruppe.
Eine B.P. Sitzung fängt oft mit einem Gespräch des Leiters zu verschiedenen, für die Arbeit relevanten Themen an; z.B. die Wichtigkeit von emotionaler und körperlicher Nähe in unserem Leben, Ausdruck und Bedeutung der Emotionen, der Zusammenhang von Gefühl, Einstellung und Verhalten, Probleme in Beziehungen usw. Vor allem im Rahmen eines Workshops, aber auch am Anfang einer Großgruppensitzung in einer Klinik wird die Arbeit mit einem solchen Informationsgespräch eröffnet. Neue Teilnehmer werden genau informiert über Sinn und Vorgehensweise in der Bonding-Übung, und dass es um emotonale Nähe geht. Sexuelle Annährungen werden ausdrücklich untersagt.
Bei den wöchentlichen, fortlaufenden Gruppen wird die Sitzung häufig mit einer sogenannten offenen Periode begonnen. Hier ist Gelegenheit für eine Einführungsrunde, wobei die Teilnehmer kurz berichten, wie es ihnen zur Zeit geht, und welche Themen für sie in der heutigen Sitzung wichtig sind. Dies ist auch der Platz, über die Beziehungen untereinander zu reden, Konflikte anzusprechen und auszutragen, Ärger und Wertschätzungen zu äußern - die sogenannte Alltagsarbeit in Beziehungen. Die Teilnehmer erhalten ehrliche Reaktionen und Rückmeldungen, so dass sie sich die Konsequenzen ihres Verhaltens und ihrer nichtverbalen Signale bewusst machen können. In der lebendigen Interaktion entsteht für einzelne Teilnehmer zugleich die Möglichkeit, den Ausdruck bestimmter Emotionen oder neue Einstellungen zu üben. (siehe: Fallbeispiel)
Nach einer kurzen Pause beginnt der zweite Teil der Sitzung, die Übung mit Nähe (Bonding). Die Gruppenmitglieder suchen sich eine/n Partner/in für die Übung. Es ist günstig, im Laufe mehrerer Sitzungen verschiedene Partner/innen zu wählen.
Ein zentraler Teil der B.P. ist es zu lernen, anders als bisher gewohnt mit Nähe umzugehen ; dementsprechend ist die Bonding-Übung von größter Bedeutung für die Arbeit. Die Partner legen sich auf die dafür vorhandenen Matten. Während die Person, die arbeitet, ihren Partner festhält, erlaubt sie sich, diese Nähe zu spüren. Nach kurzer Zeit taucht eine Vielfalt alter Gefühle, Einstellungen, Erinnerungen und Bilder auf, die nun ausgedrückt werden können durch Weinen, Schreien usw. In dem Maße, in dem mehr Vertrauen in die eigenen Gefühle und zum Partner gewonnen wird, verändert sich die Nähe von etwas Fremdem und Beängstigendem zu einem angenehmen und bestätigenden Kontakt. Im Laufe mehrerer Sitzungen wirkt diese Übung wie ein "psychologisches Mikroskop" (Casriel), wodurch die Teilnehmer immer deutlicher ihre Ängste und negativen Einstellungen in Bezug auf emotionale Nähe erleben können. Einige der häufigsten negativen Einstellungen sind:
"Wenn ich jemandem nah bin, ... muß ich mich aufgeben/ bin ich ausgeliefert/ werde ich kontrolliert/ bin ich zuviel/ muß ich einen hohen (emotionalen) Preis bezahlen, usw.". Diese Einsichten werden nicht nur intellektuell, sondern auch gefühlsmäßig " mit dem Bauch" verstanden, was die Teilnehmer in die Lage versetzt, sich eine neue Entscheidung (neue Einstellung) auch emotional zu erarbeiten.
In der parallel laufenden Einstellungsgruppe kann über die Erfahrungen und evtl. aufgetretenen Schwierigkeiten während der Bonding-Übung berichtet werden. Oft hat jemand eine neue Einstellung "entdeckt", die er verstärken möchte, indem er sie in der Runde wiederholt, entweder als Schreiübung oder ganz sanft und behutsam, als sei sie eine neue Pflanze, die gehegt werden muß.
Die Einstellungsgruppe ist auch der Ort, an dem verschiedene Themen angesprochen werden können, z.B. Probleme mit dem Ehepartner, den Eltern, den Kindern, dem Vorgesetzten usw. Durch gezielte Fragen hilft der Therapeut dem Teilnehmer, Einsichten zu gewinnen in die negativen Einstellungen und irrationalen Gefühlsreaktionen, die hinter seinem, für ihn inadäquaten Verhalten stehen. Es können Bezüge hergestellt werden zu ähnlichen Gefühlsmustern und Verhaltensweisen in der Ursprungsfamilie. Häufig hat der Teilnehmer den Wunsch, das Besprochene auch gefühlsmässig zu bearbeiten.
Durch die Bonding-Übung mit einem Partner begegnen die Teilnehmer ihren Ängsten, Einstellungen und alten Erfahrungen in Bezug zu einem anderen, Eltern/Kind-Beziehung, Geschwister/Geschwister, Mann/Frau usw. In der Einstellungsgruppe geht es eher um Probleme im sozialen Umfeld, z.B. Familie, Schulkameraden, Arbeitskollegen, Freundeskreis usw. Hier lernt man, sich nach außen zu vertreten, sich adäquat zu behaupten, um das Neugelernte eher in den Alltag integrieren zu können.
Zusätzlich verwenden die meisten Casriel Therapeuten in der Einstellungsgruppe Elemente verschiedenster therapeutischer Methoden wie z.B. tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, Transaktionsanalyse, Gestaltarbeit, systemische Therapie, Bioenergetik usw.
Fallbeispiel
Peter, ein 34 jähriger Teilnehmer einer wöchentlichen B.P. Gruppe, nickt zustimmend, während andere Gruppenmitglieder erzählen, daß sie ihn als zurückhaltend, profillos, in der Gruppenlandschaft verschwindend erleben. Peter kennt seine Angst vor Gruppen jeglicher Art, die Angst etwas Falsches zu tun oder anderen unangenehm aufzufallen. Er kann sich deswegen im Beruf schlecht behaupten und erlebt in sozialen Situationen häufig das Gefühl, zu kurz zu kommen. Nach einem kurzen Gespräch über die Rückmeldungen bietet der Leiter Peter an, eine emotionale Übung mit einer neuen Einstellung auszuprobieren. Zuerst leise und ängstlich wirkend, dann immer lauter und mit klarerem Blick, wiederholt Peter den Satz: "Ich bin auch da.", während er dabei im Kreis nacheinander jedem Gruppenmitglied in die Augen schaut. Was am Anfang ein Satz ohne Gefühl war, wird zu einem lauten Schrei voller Kraft und Selbstbehauptung. Peter wird sich des Ärgers bewußt, den er sein ganzes Leben lang so gut zu unterdrücken gelernt hatte. Bestätigt auch durch die zustimmenden Blicke der anderen Teilnehmer hat Peter einen weiteren Schritt getan, nicht mehr durch Überanpassung für seinen Wunsche nach sozialer Akzeptanz zu bezahlen.
Zusammenfassung
Der wesentliche Inhalt der Arbeit Dr. Casriels besteht in der Erlaubnis, die er seinen SchülerInnen, PatientInnen und GruppenteilnehmerInnen vermittelt hat, menschlich sein zu dürfen, oder mehr noch: ihre Menschlichkeit wieder in Besitz zu nehmen. Dies bedeutet einerseits, die Berechtigung zurück zu erobern, Gefühle zu haben, zu mobilisieren und auszudrücken, und andererseits, das Grundbedürfnis nach Nähe zu anderen anzuerkennen und daraus Freude zu schöpfen.
In unserer heutigen Gesellschaft besteht eine große Sehnsucht nach Bestätigung unserer menschlichen Würde. Die wesentliche Stärke der Bonding-Psychotherapie liegt in der Ermutigung, die eigene Bindungsfähigkeit wiederherzustellen oder zu stärken, als Voraussetzung, Beziehungen in einer befriedigenden Weise gestalten zu können.
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